TV-Kritik

ARD-Doku über Kanzler-Gattin Hannelore Kohl wirkt lange nach

Diese Szene aus ?Hannelore Kohl – die erste Frau“ zeigt die Kanzler-Gattin auf einer USA-Reise.

Diese Szene aus ?Hannelore Kohl – die erste Frau“ zeigt die Kanzler-Gattin auf einer USA-Reise.

Foto: Handout / NDR/Helmut R. Schulze - Edition

In ?Hannelore Kohl – die erste Frau“ werden Biografie und Zeitgeschichte verknüpft. Highlight der Doku ist der emotionale Schlusspunkt.

Essen. Sie war eine alleinerziehende Ehefrau, er war verheirateter Single: So portr?tieren der ehemalige ?Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust und sein Co-Autor Daniel B?umler das lange Zeit wohl m?chtigste Paar der Bundesrepublik Deutschland. Die anderthalbstündige Doku am Freitag in der ARD widmet sich aber nicht in erster Linie dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl.

Vielmehr portr?tiert sie ?Hannelore Kohl – die erste Frau“. Das Autoren-Duo zeigt die Geschichte eines beispiellosen politischen Erfolges, die in einem ebenso beispiellosen Absturz endete. Es beschreibt zugleich die emotionalen Kosten einer Politiker-Karriere. Das Familienleben von Helmut und Hannelore Kohl sowie der beiden S?hne Peter und Walter fand vorwiegend vor den Kameras der extra dafür einbestellten Presse statt, etwa im Urlaub am ?sterreichischen Wolfgangsee.

Hannelore Kohl: Doku verknüpft Biografie und Zeitgeschichte

Tats?chlich bemüht sich der Film um eine psychologische Grundierung der Menschen Helmut und Hannelore Kohl, die jahrzehntelang auf dem ?ffentlichen Pr?sentierteller standen. Mitgefühl ist angebracht, Mitleid jedoch nicht. Beide wollten die Karriere. Helmut Kohls Lebensinhalt war Politik, Karriere, Macht. Seine Ehefrau best?rkte ihn erkl?rterma?en.

Die konventionell gebaute Dokumentation hangelt sich an der Chronologie der Geschichte entlang. Sie verknüpft die Biografien von Hannelore und Helmut Kohl mit Zeitgeschichte. Dabei spart der Film gerade ihre Jugend nicht aus, und das ist gut so. Gerade das Schicksal von Hannelore Kohl spiegelt den Lebensweg von Frauen der Kriegsgeneration.

Hannelore Kohl h?lt dem Druck nicht stand

Als Zw?lfj?hrige verliert sie am Kriegsende ihre s?chsische Heimat. Auf der Flucht wird das M?dchen von russischen Soldaten vergewaltigt. In Ludwigshafen wird Hannelore Kohl als Flüchtlingskind abgelehnt: Ihr s?chsischer Akzent isoliert sie unter Pf?lzern. Der Film geht nicht ausdrücklich auf die Folgen der Traumatisierung ein. Doch die Vermutung ist erlaubt, dass Hannelore Kohl sich niemals einem Therapeuten offenbarte. Es war damals unüblich.

Erlebnisse ihrer Jugend bestimmen offenkundig eine schicksalhafte Wendung ihres Alters. In den Neunzigern erleidet Hannelore Kohl einen allergischen Schock. Eine psychosomatische Ursache kommt als Ausl?ser in Frage. Folge ist eine Lichtallergie, die ihr den Aufenthalt im Hellen und Warmen zur H?lle macht.

Hannelore Kohl bleibt ihrer Rolle als Kanzler-Gattin mit qu?lend eiserner Disziplin treu, so lange sie kann. Ehemann Helmut Kohl reagiert hilflos. Am Ende zerbricht die Frau an seiner Seite. Sie h?lt den Druck nicht l?nger aus, das Familienleben zu organisieren, politische Wahlk?mpfe und ?ffentliche Auftritte zu begleiten. Sie nimmt sich 2001 das Leben, nach 41 Jahren Ehe.

Sechs Jahrzehnte Geschichte in 90 Minuten

Stefan Aust und Daniel B?umler halten sich mit eigenen Kommentaren weitgehend zurück. Sie überlassen die Einsch?tzung von Hannelore und Helmut Kohl Zeitzeugen, darunter den beiden S?hnen, die offenbar nach dem Tod ihrer Eltern Frieden mit ihrem Leben schlie?en konnten. Das Privatleben der Kohls spiegeln ehemalige Mitarbeiter in Ludwigshafen und Bonn. Politische Weggef?hrten wie die ehemaligen CDU-Ministerpr?sidenten Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel spiegeln den Machtmensch Kohl.

Bei der exzellent recherchierten Doku liegen Glanz und Elend allerdings dicht beieinander. Sie leidet an einer überfülle von Fakten und Einsch?tzungen.

Weniger w?re mehr gewesen. Und dennoch: Wer konzentriert zusieht, erh?lt eine verdichtete Biografie einer First Lady in Verbindung mit einem Gesellschaftsportr?t der Nachkriegszeit: Mauerbau, Nachrüstung, Wiedervereinigung, sechs Jahrzehnte Geschichte in 90 Minuten.

Mag sein, dass die Doku streckenweise zu nüchtern daherkommt, ihr emotionaler Schlusspunkt indes wirkt lange nach.

? Freitag, 1. Mai, 18.30 Uhr, Das Erste: ?Hannelore Kohl – die erste Frau“

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